Interview Dr. Bernhard Hofmann / Dr. Hans Seidl

Vinnolit, 1993 von Hoechst und Wacker als 50/50-Joint Venture gegründet, ist mit einem Jahresumsatz von etwa 1 Mrd. DEM eines der bedeutendsten PVC-Unternehmen in Europa. Im Juli 2000 verkauften Hoechst (Celanese) und Wacker im Zuge ihrer Strategie, sich vom PVC-Geschäft zu trennen, ihre Vinnolit-Anteile an den Finanzinvestor Advent International. CHEManager sprach mit Dr. Bernhard Hofmann, CEO von Vinnolit, und Dr. Hans Seidl, Vinnolit-Chairman und Vertreter der Anteilseigner Advent International, über die zukünftigen Ziele des Unternehmens und die Strukturveränderung in der PVC-Branche. Die Fragen stellte Dr. Michael Reubold.

CHEManager: Herr Dr. Hofmann, die europäische PVC-Industrie befindet sich in einem radikalen Umstrukturierungsprozess. Der Eigentümerwechsel bei Vinnolit reiht sich nahtlos in diesen Wandel ein. Wie beurteilen Sie die Situation der PVC-Branche?


Dr. Bernhard Hofmann, CEO von Vinnolit
Dr. Hofmann: Der zu beobachtende Umstrukturierungsprozess betrifft weite Bereiche der Kunststoff erzeugenden Industrie. Bei Polyolefinen wie auch bei PVC finden Konsolidierungen in erheblichem Umfang und Ausmaß statt. Die klassischen Chemiekonzerne lösen sich zunehmend von Standardkunststoffen, um notwendige Zusammenschlüsse für eine dauerhafte Entwicklung der Branche zu ermöglichen. Im Bereich des PVC steht die nächste Konsolidierungswelle in Europa an. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Spieler deutlich reduziert, doch ist die Zahl einzelner Standorte noch zu hoch, der Integrationsgrad zwischen Rohstofferzeugung und –verbrauch am Standort nicht ausbalanciert. Im Vergleich zu Nordamerika gibt es hinsichtlich erreichbarer Economies of Scale noch deutlichen Restrukturierungsbedarf. PVC hat seine Zukunftsfähigkeit als Werkstoff im Wettbewerb mit Alternativen beweisen können, bei den Recyclingverfahren sind deutliche Fortschritte erzielt worden. Die Investitionen von Private Equity Capital in deutsche PVC-Unternehmen sind Ausdruck positiver Erwartungen.

CHEManager: Herr Dr. Seidl, welche Erwartungen setzt Advent International, ein global agierendes Private-Equity-Unternehmen, in den PVC-Markt?


Dr. Hans Seidl, Vertreter des Anteilseigners Advent International und Vinnolit-Chairman
Dr. Seidl: Die Industrie hat in den letzten Jahren erste Konsolidierungs- und Rationalisierungserfolge erzielt, dies drückt sich in verbesserter Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen aus. Die positive Bedarfsentwicklung und ein nur verhaltener Anstieg der europäischen Kapazitäten im mehrjährigen Mittel deutet darüber hinaus auf gute Anlagenauslastung in den kommenden Jahren hin. PVC ist ein gutes Arbeitsgebiet, es wirft Rendite ab. Advent bringt seine Expertise in Industrieumstrukturierungen mit seinem Investment in Vinnolit in die Branche ein.

CHEManager: Was bedeutet der Einstieg von Advent International für die Zukunft von Vinnolit?

Dr. Hofmann: Advent hat bei seinem Einstieg die bestehende Mehrjahresstrategie des Vinnolit-Managements bestätigt und unterstützt die beträchtlichen Investitionen in Technologieverbesserungen und Standortintegration. Zusammen mit Vinnolit hat Advent den Monomerproduzenten Vintron in Knapsack erworben. In Knapsack wird investiert, um bestehende Rohstoffbezüge aus Burghausen wettbewerbsfähig abzulösen. Das Restrukturierungskonzept des Vinnolit-Managements umfasst Investitionen in Höhe von ca. 500 Mio. DEM zwischen 1998 und 2001.

CHEManager: Welche Ziele verfolgen Sie bei Vinnolit, und welche Perspektiven sehen Sie für das Unternehmen?

Dr. Seidl: Primäres Ziel ist der schnelle Ausbau der Monomerkapazitäten und deren zügige Integration in die Wertschöpfungskette. Vinnolit wird dadurch zum Cost Leader. Damit kann jede Phase des Zyklus krisenfest bewältigt werden. Die ausgewogene Balance im Produktportfolio zwischen Standardprodukten und Spezialitäten verschafft dem Unternehmen gut planbare Ergebnisse. Die neue Stärke der Vinnolit generiert bessere Möglichkeiten zu dauerhaften Beziehungen mit Geschäftspartnern auf der Kundenseite. Natürlich verbessert sich auch das Potential zu eventuellen zukünftigen Partnerschaften im PVC-Bereich in Europa.

CHEManager: Welche Bedeutung besitzen die vier Vinnolit-Standorte Gendorf, Burghausen sowie Köln und Knapsack für Ihre Strategie der Rückintegration und des Produktionsverbunds?

Dr. Seidl: Eigentlich haben wir zwei Zwillingsstandorte mit jeweils einer am Bedarf für PVC ausgerichteten Rohstoffschiene pro „Zwilling“. Mit jeweils 300 kt/a und darüber weisen wir wettbewerbsfähige Economies of Scale auf. Beide Vinylchloridmonomer-(VCM)-Anlagen sind bzw. werden mit modernster Technologie ausgestattet. Gendorf ging im September 2000 in Betrieb, Knapsack wird Ende 2001 die Produktion aufnehmen. Sowohl für die Spezialitäten aus den bayerischen Standorten wie für die Standardprodukte aus Köln/Knapsack haben wir integrierte Strukturen.

CHEManager: Welche Investitionsprojekte realisieren Sie gegenwärtig an diesen Standorten?

Dr. Seidl: Das Programm in Gendorf umfaßt rund 70 Mio. DEM und ist abgeschlossen. In Knapsack wird mit rund 250 Mio. DEM die Chlorkapazität durch den Bau einer Membrananlage auf 250 kt/a erweitert, ferner wird die bestehende VCM-Kapazität auf 330 kt/a verdreifacht. Ende 2001 haben wir alles in Betrieb. Danach werden wir uns eine Atempause gönnen und zunächst den Cash Flow aus den Investitionen optimieren.

CHEManager: Vintron, von Advent gleichzeitig mit Vinnolit von Celanese erworben, liefert PVC-Vorstufen fast ausschließlich an Vinnolit. Planen Sie, das Unternehmen zu integrieren?

Dr. Seidl: Für Advent war es eine der notwendigen Voraussetzungen, Vintron zusammen mit der Finanzierung der Investitionen in das Gesamtprojekt des Vinnolit-Erwerbs zu integrieren.


Im Werk Gendorf hat Vinnolit ein Investitionsprogramm von rund 70 Mio. DEM abgschlossen.
CHEManager: Zieht der Eigentümerwechsel organisatorische Veränderungen bei Vinnolit nach sich?

Dr. Hofmann: Advent hat mit Vinnolit einen Leveraged Buy Out durchgeführt. In der Phase vor der Transaktion hat das Vinnolit-Management die Strategie der Restrukturierung und Neuorientierung detailliert diskutiert. Advent steht voll hinter dieser Strategie, deshalb steht Advent auch voll hinter dem Management. Mit dem Eigentümerwechsel waren weder organisatorische noch personelle Veränderungen verbunden. Wir freuen uns über diesen Vertrauensbeweis.

CHEManager: Wie sind Sie mit Ihrem Produkt- bzw. Technologieportfolio positioniert?

Dr. Hofmann: Der Technologiebesitz von Wacker und Hoechst bei den Monomer- und PVC-Verfahren ist auf Vinnolit übergegangen. Gerade im Bereich Monomere ist Vinnolit mit einem Marktanteil von 40 % Weltmarkt-führer. Beim PVC hat Vinnolit insbesondere eine wettbewerbsstarke, interessante Spezialitätenpalette. Die Prozesse betreffend, betreiben wir ausgefeilte Mikrosuspensions- und Emulsionsverfahren. Beim Standard-S-PVC nehmen wir derzeit unsere neue Großreaktor-Technologie in Knapsack in Betrieb. Wir schließen damit zu den Cost Leadern auf. Die neue Anlage wird auch als Referenz für unser Lizenzgeschäft von Bedeutung sein. Damit sind wir im Produkt- und Technologie-Portfolio komplett.

CHEManager: Planen Sie, sich in einzelnen Bereichen noch zu verstärken?

Dr. Hofmann: Schwerpunkte für dieses und das Jahr 2001 sind die Inbetriebnahme unserer Investitionen in die Integrationen der Wertschöpfungskette und damit die Umsetzung der Planung. Die Marktsegmente, in denen wir wachsen wollen sind definiert, grundsätzlich neue sind nicht im Fokus. Interessant könnte sein, gemeinsam mit Advent Überlegungen über Investitionen im Bereich der PVC-Verarbeitung anzustellen.

CHEManager: Wie sehen Sie die weitere Konsolidierung im PVC-Markt?

Dr. Hofmann: Im europäischen PVC-Geschäft sind noch „unterkritische“ Wettbewerber tätig. Die dringend notwendige Konsolidierung wird deshalb weiter voranschreiten. So wie Vinnolit jetzt aufgestellt ist, kann das Unternehmen sich aktiv an diesem Prozess beteiligen. Langfristig kann man von den 12 existierenden in Zukunft etwa 5 verbleibende PVC-Produzenten in Europa erwarten.


Quelle: CHEManager 24/2000
http://www.chemanager.de